Letztes Update: 03/12/04

WILLKOMMEN BEI DER DEUTSCHEN SEKTION DES GLOBAL MARCH GEGEN KINDERARBEIT

Pro und Kontra: Verbot von Kinderarbeit

In der Auseinandersetzung über Wege zur Überwindung der Kinderarbeit weltweit – mit größtem Anteil in den so genannten Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas – gibt es keinen einheitlichen Ansatz zur verbindlichen Abschaffung von Kinderarbeit gemäß einschlägiger internationaler Konventionen. Im Zuge von verfehlter Menschenrechtspolitik, Armutsbekämpfungsstrategien sowie politischer und wirtschaftlicher Instabilität treten alternative Ansätze und Konzepte zur „Verbesserung der Situation arbeitender Kinder“ immer stärker hervor.

Recht auf Arbeit für Kinder

Die Ansicht, Kinderarbeit müsse bis zur Überwindung der Massenarmut als unvermeidbares Übel hingenommen werden bis Armutsreduzierung sowie Maßnahmen zur politischen und wirtschaftlichen  Entwicklung greifen, wird häufig von Regierungen vertreten, die Kinderarbeit als alltägliches Phänomen betrachten.

Die internationale „Bewegung der arbeitenden Kinder“ (ProNats) fordert ein weltweites „Recht auf Arbeit“ für Kinder. Sie vertritt die Meinung, dass gegen „nicht-ausbeuterische Kinderarbeit“ im Prinzip nichts einzuwenden und diese für die Entwicklung von Kindern eher ertüchtigend zu bewerten sei. In einer Kombination von Arbeit und informeller Schule sehen Anhänger dieser Bewegung einen Weg, arbeitenden Kinder die Möglichkeit zu geben, für ihren Unterhalt zu sorgen und gleichzeitig Schulbildung zu erhalten. In diesem Zusammenhang muss aber kritisch betrachtet werde, dass damit ein paralleles und informelles Schulsystem gemeint ist, welches unabhängig von staatlichen Schulen sein soll, da diese als ineffizient und negativ gegenüber arbeitenden Kinder eingestellt seien.

Recht auf Bildung 

ILO, der Internationale Zusammenschluss Freier Gewerkschaften (ICFTU) sowie die im Global March Gegen Kinderarbeit vereinten Nichtregierungsorganisationen (NROs) aus aller Welt streben auf lange Sicht die gänzliche    Überwindung von Kinderarbeit an. Die weltweite Durchsetzung einer allgemeinen Schulpflicht im Zuge der Umsetzung der Beschlüsse der Welt-Bildungs-Konferenz von Dakar im Jahr 2000 gilt dabei als wirksamstes Werkzeug. Das Recht auf Bildung wird als grundsätzliches Menschenrecht und wesentlicher Ansatzpunkt zur Überwindung von Armut erkannt. Der Zugriff des Arbeitsmarktes auf die begehrte billige Kinderarbeitskraft soll auf diesem Weg blockiert werden.

Diskussionsforum

Die unterschiedlichen Denkansätzen prallen gegenwärtig in einer grundsätzlichen Debatte über die Abschaffung von Kinderarbeit aufeinander. Jedes Konzept wird in seiner Umsetzung massive Auswirkungen auf die Zukunftschancen der heranwachsenden Kinderarbeiter, ihrer Familien und auch auf die Entwicklungschancen ihrer Heimatländer haben. Von daher müssen die zu treffenden nationalen und internationalen Entscheidungen von hohem Verantwortungsbewusstsein geprägt sein. Das gilt auch für die nicht einflusslosen Diskussionen und Forderungen der NROs auf die Entscheidungsträger. Lokale Eigenheiten und Einzelschicksale erfordern spezifische Antworten, dürfen aber nicht zum Maßstab bei der Entwicklung allgemeingültiger Leitlinien werden.

Unsere Übersicht soll Interessierten Denkanstöße für eine „Pro und Kontra: Verbot von Kinderarbeit“-Diskussion bieten. In unserer virtuellen Bibliothek finden sie deshalb relevante Artikel und Statements, die  die unterschiedlichen Denkansätze repräsentieren. Auf die komplexe Problematik gibt es keine einfachen Antworten. Jedoch muss bedacht werden, dass mit allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die getroffen werden, das Leben von Millionen beeinflusst wird. Jeder einzelne Mensch hat ein Recht auf Leben, indem seine Würde und seine Rechte respektiert werden.

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Gestalten statt abschaffen

Das internationale Verbot von Kinderarbeit beruhigt das Gewissen der Europäer - den Kindern hingegen schadet es. Sie brauchen die Möglichkeit, ihre Interessen zu vertreten

Der "Welttag gegen Kinderarbeit" ist am Sonnabend friedlich vorübergezogen. Stolz vermeldete die Internationale Arbeitsorganisation IAO, dass weitere Länder die entsprechenden Abkommen unterzeichnet haben. Doch trotz der überwältigenden Zustimmung zum Verbot von Kinderarbeit - die beiden Resolutionen wurden bisher von 134 beziehungsweise 150 Staaten ratifiziert - entwickelt sich die Wirklichkeit in die entgegengesetzte Richtung. Zwar fehlen Statistiken aus der Vergangenheit. Aber alle Experten sind sich einig, dass Kinderarbeit seit den Siebzigerjahren enorm zugenommen hat.

Die meisten Kinderarbeiter leben in Asien; dort arbeitet etwa ein Fünftel der Kinder unter 15 Jahren. In Lateinamerika ist jedes sechste und im südlichen Afrika sogar fast jedes dritte Kind betroffen. Doch auch in Industrieländern gibt es Kinderarbeit. Human Rights Watch geht davon aus, dass in den Vereinigten Staaten etwa 300.000 Töchter und Söhne mexikanischer Einwanderer auf Farmen ackern.

Längst ist erwiesen, dass den betroffenen Mädchen und Jungen ein Verbot der Kinderarbeit wenig nützt - und häufig sogar schadet. So zahlen viele mittelamerikanische Landarbeiterkinder die Rechnung für das offizielle Arbeitsverbot mit knurrendem Magen: Weil sie nicht mehr auf den Lohnlisten auftauchen, enthalten ihnen die Plantagenbesitzer straflos das Mittagessen vor. Und sitzen deshalb noch lange nicht im Klassenzimmer.

Auch drangsalieren vielerorts erwachsene Händler ihre jungen Konkurrenten, ohne dass diese von staatlicher Seite Hilfe erwarten können. Im Gegenteil: Oft müssen die Kinder auch noch die Polizei fürchten. Und: Was ist überhaupt aus den jungen philippinischen Fischereihelfern geworden, die mit Hilfe eines IAO-Projekts erfolgreich vor Kinderarbeit gerettet wurden, wie dem Jahresbericht des Generaldirektors zu entnehmen ist?

Viel sinnvoller als die Kinder in die Illegalität zu drängen ist es, ihre Rechte zu stärken und sie dabei zu unterstützen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Eine Grundvoraussetzung dafür wäre allerdings, sie nicht einfach als Objekte einer - häufig hilflosen - Fürsorge zu betrachten, sondern selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen von 1989 könnte dafür die Grundlage bilden: Sie gesteht Kindern Mitsprache bei den sie betreffenden Entscheidungen zu.

Tatsächlich gibt es inzwischen in mehreren Dutzend Ländern Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher, die sich gewerkschaftsähnlich organisiert haben. Sie helfen sich nicht nur gegenseitig bei Alltagsproblemen, sondern versuchen auch, bessere Jobbedingungen zu erreichen. Außerdem wollen sie Bildungschancen für alle durchsetzen. Deshalb fordern sie Unterricht, der auf Kinder-Arbeitszeiten Rücksicht nimmt. An mehreren Orten der Welt gibt es mittlerweile solche Flexi-Schulen.

Auf der gegenwärtig in Genf tagenden IAO-Jahrestagung aber spielen diese Erfahrungen keine Rolle. Wie immer sind dort erwachsene Vertreter von Regierungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden unter sich. Sie allein entscheiden, was das Beste für die Kinder vor allem aus Entwicklungsländern ist; im IAO-Verwaltungsrat beraten sogar nur Leute aus reichen Industrieländern über solche Fragen. Für sie ist klar: Unter 15-Jährige sollen spielen und büffeln - und sonst gar nichts. Dass manche Jungen und Mädchen nur deshalb eine Schule besuchen können, weil sie arbeiten, kommt in diesem Konzept nicht vor.

Erst im vergangenen Dezember hatte die IAO vorgerechnet: Wenn alle Kinder statt zum Schuften lernen gingen, überstiege der wirtschaftliche Nutzen die Kosten innerhalb von 20 Jahren um den Faktor 6,7. Gut möglich. Doch die Einsicht, dass gebildete Menschen volkswirtschaftlich Sinn machen, ist auch in vielen Drittweltländern längst angekommen; woran es vor allem mangelt, ist das nötige Geld. So geht die Hilfsorganisation Terres des Hommes davon aus, dass allein in Indien 100.000 Grundschulen fehlen - und das, obwohl das Recht auf Grundbildung in der Verfassung der größten Demokratie festgeschrieben ist. Die IAO aber hat keine Mittel für entsprechende Programme. Sie verweist die Länder auf die eigene Verantwortung - und auf andere internationale Institutionen wie Weltbank oder EU.

Zwar gestehen IAO-Mitarbeiter im informellen Gespräch durchaus ein, dass die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Kindern wünschenswert wäre - allerdings nur in einer Übergangsphase bis zu ihrer endgültigen Abschaffung. Wohl auch um nicht in einen strategischen Widerspruch zu geraten - zu verbessern, was man ja eigentlich abschaffen will -, fixiert sich die Organisation seit einigen Jahren auf das, was sie als "schlimmste Formen der Kinderarbeit" bezeichnet: Sklaverei und Schuldknechtschaft, Menschenhandel, Prostitution und Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten. Betroffen von solchen Verbrechen sind etwa 8,4 Millionen Kinder. In Bergwerken und Steinbrüchen malochen schätzungsweise 1,9 Millionen Minderjährige. Schätzungsweise 10 Millionen Kinder arbeiten zudem in sklavenähnlichen Verhältnissen in Privathaushalten.

Doch die große Masse der über 210 Millionen Jungen und Mädchen schuftet zu niedrigen Löhnen oder völlig ohne Bezahlung in mehr oder weniger miesen Jobs. Unterstützung für kürzere Arbeitszeiten und die Chance, neben der Arbeit lesen und schreiben zu lernen, würden ihnen wesentlich mehr nützen als ein wohlfeiles Arbeitsverbot.

Der fromme, aber nicht finanzierte Wunsch, alle Kids ausschließlich zur Schule zu schicken, dient so vor allem dazu, das Gewissen europäischer Mittelstandsbürger zu beruhigen. Auch ein Boykott von Waren, in denen Kinderarbeit steckt, ist nicht die Lösung des Problems, warnt Terres des Hommes. Viele internationale Firmen und ihre Zulieferer haben die Minderjährigen in den vergangenen Jahren rausgesetzt aus Angst vor Konsumentenprotesten; nur etwa 10 Prozent der Kinder stellen heute noch Produkte für den Export her. Hilfreich für die Betroffenen ist ein Boykott also nur dann, wenn sie eine Einkommensalternative haben - etwa durch einen höheren Verdienst ihrer Eltern aus dem fairen Handel. Dafür müssten die Verbraucher in den Industrieländern allerdings bereit sein, ihre Maxime vom geilen Geiz hinten anzustellen.

Aber die Bedingungen des Weltmarkts schlagen längst auch auf viele heimischen Sektoren durch - was die Quote der Kinderarbeiter erhöht. So drängen zum Beispiel immer mehr Landbewohner in die Städte, weil die Erlöse aus dem Kaffeeanbau sie nicht mehr ernähren. Dort angekommen, versuchen Kinder und Erwachsene gleichermaßen, einen der raren Jobs zu ergattern oder sie vergrößern das Heer der fliegenden Händler. Der Einzelne verdient und verkauft immer weniger - und arbeitet immer länger. Ein Teufelskreis. Dagegen setzt die IAO ihre Position: Die Globalisierung an sich ist eine große Chance; sie darf nur nicht zu Lasten der Schwachen gehen. Ach was." ANNETTE JENSEN

taz Nr. 7382 vom 14.6.2004, Seite 11, 241 Kommentar ANNETTE JENSEN, taz-Debatte


Abschaffen, aber flankieren

Für bessere Arbeitsbedingungen von Kindern, aber gegen ein weltweites Verbot
von Kinderarbeit plädierte Annette Jensen am 14. 6. an dieser Stelle. Eine Gegenrede

Anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit wies Annette Jensen zu Recht auf die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Kampf gegen Kinderarbeit hin. Trotz völkerrechtlicher Verankerung des Verbots nimmt die Kinderarbeit weiter global zu. Deshalb hält sie es für sinnvoller, die Arbeitsbedingungen der Kinder zu verbessern. Die Frage allerdings ist, ob die Hoffnung auf Gestaltungsmöglichkeiten des prinzipiell nicht wünschenswerten Zustandes von Kinderarbeit die einzige Alternative zum "wohlfeilen" Verbot darstellt. Wohl kaum. Eine bessere Alternative besteht darin, das Verbot mittels Strafmaßnahmen wirksam durchzusetzen. Freilich muss ein solches Verbot sozialpolitisch flankiert werden.

Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, schreibt Jensen, könnten die Kinder selbst in die Hand nehmen. Leider reicht Kinderarbeit aber bis zu einem Lebensalter von acht Jahren hinunter. Arbeitende Kinder sind generell schlecht ernährt und für Krankheiten deshalb viel anfälliger. Manche erreichen nicht einmal das zwölfte Lebensjahr. Vor allem arbeiten viele in völliger Abhängigkeit von den Arbeitgebern, die Kinder erwachsenen Kräften gerade deshalb vorziehen, weil sie leichter zu disziplinieren sind. Diese Kinder sollen mit den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erreicht werden. Sicher gibt es gerade in Lateinamerika Kinder in den großen Städten, die einige Jahre Schule genossen haben, sich selbst durchschlagen und sich entsprechend in ihrem Umfeld auch für ihre Rechte einsetzen können. Für Kinder an indischen Webstühlen trifft dies allerdings nicht zu.

Ferner ist nicht nachvollziehbar, warum Gestalten leichter als Verbieten sein soll. Die Arbeitgeber könnten schon heute Erwachsene einstellen: Wo Kinderarbeit vorherrscht, besteht eine große Arbeitslosigkeit unter Erwachsenen. Sie könnten auch bessere Bedingungen anbieten, ohne gleich Pleite zu gehen, denn die geringeren Löhne der Kinder werden zumeist durch ihre geringere Produktivität aufgewogen. Sie tun es aber nicht. Bessere Arbeitsbedingungen müssen genauso wie ein Verbot mittels gesellschaftlichen Drucks durchgesetzt werden. Ein Verbot lässt sich aber leichter überwachen.

Sicherlich können Kinder versteckt, ihr Alter auf dem Papier erhöht und die Inspektoren bestochen werden. Doch das Überprüfen besserer Arbeitsbedingungen verlangt viel umfangreichere Kontrollen.

Schließlich überzeugt das Argument nicht, dass ein Verbot die Kinder schlechter stellen würde. Es ist gerade umgekehrt - Kinderarbeit verursacht Armut. Der Zusammenhang ist wie folgt: Eine mangelnde soziale Absicherung verschärft ebenso wie sinkende Reallöhne den Zwang zum Arbeitsangebot, sodass sich ohne korrigierende Eingriffe die Verarmung breiter Kreise der Lohnabhängigen als Prozess selbst tragen kann: Eine Ausweitung des Arbeitsangebots lässt die Reallöhne sinken, die niedrigeren Löhne wiederum bedingen ein größeres Arbeitsangebot.

In gar nicht so seltenen Extremfällen wird das Angebot der Arbeitskräfte der Kinder notwendig zur Sicherung des Haushaltseinkommens. Je mehr Kinder jedoch eingestellt werden, desto mehr Erwachsene werden entlassen, die wiederum gezwungen sind, ihre Töchter und Söhne zur Arbeit zu schicken. Eine Untersuchung im Teppichknüpfgebiet Indiens ergab, dass 95 Prozent der Väter, die ihre Kinder zur Arbeit schicken, selbst als Kinder gezwungen waren zu arbeiten. Wenn darüber hinaus, zum Beispiel im Zuge der Schuldenkrise, die Ausgaben für Bildungseinrichtungen gekürzt werden, wird sich die Zahl der arbeitenden Kinder noch stärker erhöhen. Dieser Zusammenhang wurde für Thailand im Anschluss an die Währungskrise von 1997 gut belegt.

Die Armut wird durch Kinderarbeit auch für die Zukunft fortgeschrieben, da Menschen, die als Kinder hart arbeiten müssen, in der Regel nicht die Chance haben, sich für einen besseren Arbeitsplatz ausbilden zu lassen. Doch nicht nur diese Kinder erhalten keine Chancen, sich zu entwickeln, auch die Industrien, in denen sie beschäftigt sind, bleiben technologisch veralteten Produktionstechniken verhaftet. Auf Kinderarbeit lässt sich keine dynamische Wirtschaftsentwicklung gründen.

Die harte Alternative zwischen Arbeit und Verhungern stellt sich nur dann, wenn die Konkurrenzverhältnisse nicht verändert werden. Wenn etwa nur in einer Region Kinderarbeit beim Teppichknüpfen verboten wird, besteht selbstverständlich die Gefahr, dass die Teppichfirmen dieser Region Marktanteile verlieren. Wenn alle Regionen Kinderarbeit verbieten, werden sich die Marktanteile hingegen nicht verändern. Es könnten dann für Erwachsene Familienlöhne gezahlt werden. Damit sich alle an das Verbot halten, bedarf es Strafmechanismen.

Bisher muss eine Regierung, die das Verbot nicht im eigenen Land durchsetzt, obgleich es dazu völkerrechtlich verpflichtet ist, mit keinen Strafen rechnen. Die ILO-Konventionen haben Appellcharakter. Deshalb fordert die internationale Gewerkschaftsbewegung seit langem, elementare Arbeitnehmerrechte als Sozialklausel in der Welthandelsorganisation (WTO) zu verankern. Der Zutritt für ausländische Produzenten zum jeweiligen heimischen Markt sollte davon abhängig gemacht werden, ob sie international anerkannte Arbeitnehmerrechte einhalten. Andere fordern kontrollierbare Verhaltenskodizes für Unternehmen.

Das einzelne Kind kann freilich beim Verbot vor der Alternative noch schlechterer Arbeitsbedingungen in illegalen Betrieben, der Prostitution oder gar des Verhungerns stehen. Deshalb muss das Verbot sozialpolitisch flankiert werden. Das bereits bestehende Programm der ILO zur Beendigung von Kinderarbeit (Ipec), das für Schulgeld aufkommt, oder eine ähnliche Initiative der brasilianischen Regierung muss ausgebaut werden. Auch sollten sich transnationale Konzerne nicht einfach bei Verstößen von einem Zulieferbetrieb trennen, sondern dem Management des Subunternehmens helfen, Missstände zu beheben. Zugleich muss aber die Weltbank davon abgehalten werden, die Privatisierung der Schulen zu propagieren, und der IWF von einer Auflagenpolitik, bei der die Kürzung des Sozialbudgets an oberster Stelle steht.

Sicherlich: Die international wirksame Durchsetzung des Kinderarbeitsverbotes sowie eine Veränderung der Politik von Weltbank und IWF sind Ziele, die nur mit großen politischen Kraftanstrengungen und einem langen Atem erreicht werden können. In der Zwischenzeit werden viele Kinder weiter ihres Rechts auf Bildung und Gesundheit beraubt. Doch eine Akzeptanz der Kinderarbeit fördernden Rahmenbedingungen kann nicht die Alternative sein. Es besteht vielmehr die Gefahr, durch den noch viel weniger einlösbaren Anspruch auf Gestaltung den Zustand von Kinderarbeit schönzureden. Dann allerdings würde man zur Verschärfung des Problems beitragen."

CHRISTOPH SCHERRER

taz Nr. 7386 vom 18.6.2004, Seite 11, 241 Kommentar CHRISTOPH SCHERRER, taz-Debatte

 

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